CEO Jean Cassegrain erklärt, wie er Longchamp zur Modemarke machen möchte

Accessoires-Unternehmen zu vollwertigen Lifestyle-Marken zu erweitern, ist für viele Taschen-, Lederwaren,- und Gepäckhersteller das große Ziel. Auch Jean Cassegrain, CEO von Longchamp und Enkel des Unternehmensgründers, wagt den Schritt in die Modewelt und präsentiert am 8. September in New York seine erste offizielle Mode-Kollektion.

Jean Cassegrain

Accessoire-Marken wie Prada oder Gucci ist der Sprung zum anerkannten Fashion-Label gelungen. Es gibt jedoch auch Beispiele wie Tod's, Hogan oder Kate Spade. All diese Marken haben solide Modekollektionen lanciert, allerdings mit mäßigem Erfolg. Jetzt bereitet sich auch Longchamp auf die Verwandlung vom Accessoire- zum Lifestyle-Label vor. Das französische Unternehmen ist dabei nicht der erste Lederwaren- und Kofferhersteller, der das schaffen möchte. Aber was macht CEO Cassegrain so zuversichtlich, dass Longchamp damit Erfolg hat?
 
"Früher waren Mode, Accessoires und Lederwaren getrennte Bereiche, aber heute sind sie zu einer großen Industrie zusammengewachsen. Bestimmte Marken, die heute führend in der Mode sind, begannen als Lederwarenhersteller, darunter Hermès, Gucci und Prada. Und andere Marken, die als Mode-Labels begannen, wie Chanel, YSL oder Dior, verzeichnen starke Zahlen durch den Verkauf von Accessoires. Die Grenzen sind also fließend", erklärt Cassegrain in einem Telefoninterview.
 
Longchamp blickt auf ein geschäftiges Jahr in den USA zurück. Das Unternehmen eröffnete eine Boutique in der Fifth Avenue, lancierte eine Kollektion, die von Hood By Air Gründer und Designer Shayne Oliver entworfen wurde und gewann Kendall Jenner als neue Markenbotschafterin. In diesem Herbst eröffnet darüber hinaus ein neuer Flagship-Store in Beverly Hills. Aber das wichtigste Event wird das Laufsteg-Debüt in New York sein.

"Früher war die Tasche ein Gebrauchsgegenstand, jetzt ist sie ein Mode-Statement. Wir versuchen also ein starkes und symbolisches Statement für die Teilnahme an der Modewoche zu setzen", erklärt er.
 
"Sicher, das hält auch Risiken bereit, aber so ist das Leben. Außerdem wäre es auch ein Risiko, es nicht zu versuchen. Mir ist aufgefallen, dass viele traditionelle Häuser in der Maroquinerie in Frankreich, den USA und Italien, die diesen Übergang nicht gemacht haben, jetzt in einer schwierigen Situationen sind. Zuvor haben sie Taschen von handwerklich sehr guter Qualität verkauft, die aber eher praktisch als modisch waren. Heute funktioniert das nicht mehr!", betont der CEO.
 
"Man muss heute Emotionen wecken. Es geht nicht nur um Bedürfnisse, sondern auch um Verführung. Und die findet man in der Mode. Natürlich besteht die Gefahr von schlechten Kritiken und bescheidenen Umsätzen. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir in der Lage sind, uns im Bereich der Mode zu etablieren. Seit 10 Jahren forschen wir bereits in diesem Metier. Ein Spezialist im Bereich Gepäckwaren zu bleiben, reicht nicht mehr. Das ist ein noch größeres Risiko", so Cassegrain.

Longchamp hat dafür einen außergewöhnlichen Weg eingeschlagen. In den vergangenen zehn Jahren führte das Unternehmen private Mode-Kollektionen vor, die von Cassegrains Schwester Sophie Delafontaine für interne Käufer und Freunde des Hauses entworfen wurden. Ausgewählte Gutachter und Spezialisten wurden zur Präsentation eingeladen. Das Feedback war positiv, aber auch verhalten.

Longchamp Ready-to-wear Herbst/Winter 18

"Es stimmt, dass wir Ready-to-Wear-Kollektionen entworfen haben und dabei eher diskret vorgegangen sind. Im Bereich Lederwaren sind wir Spezialisten was Lieferung und Produktion angehen. Aber im Mode-Metier braucht es Zeit, um einen Kreis von Qualitätslieferanten aufzubauen. Wir benötigten größere Boutiquen und mussten zunächst unseren Stil finden. Jetzt sind wir bereit für eine echte Modenschau. Ein Défilé ist ein sehr wichtiger Moment und der beste Weg, das Potenzial unserer Kollektion zu nutzen", sagt er.

Longchamp feiert darüber hinaus seinen 70. Geburtstag. Im Jahr 1948 gründeten Cassegrains Großeltern das Unternehmen. "Eine Fashion Show eignet sich also perfekt, um eine neue Ära einzuläuten," sagt er. 
 
"Wie auch immer, wir tun gern das Unerwartete. Longchamp in NYC ist nicht das, was die Menschen erwarten und das hilft, Aufmerksamkeit zu erzeugen. In Paris wäre eine Präsentation von Longchamp viel zu vorhersehbar", erklärt Cassegrain.
 
Drei Tage nach der Show plant Longchamp einen Abend in der Pariser Oper, im Palais Garnier. "Das ist ein schönes Symbol für künstlerisches Schaffen und ein Erbe, das gut zu uns passt. Außerdem war das erste Geschäft meiner Eltern nur 500 Meter vom Boulevard Poissonnière entfernt."

Neben der Prêt-à-porter-Kollektion hat Longchamp auch an seinem Image gearbeitet; lange Zeit galt es als eine Mittelklasse-Marke. Seine berühmteste Tasche, die biegsame "Pliage", wurde häufig kopiert und als Imitat verkauft. Aber zahlreiche Kooperationen mit namenhaften Künstlern haben Longchamps Image verbessert.
 
Dazu gehört auch eine Kooperation Anfang der 70er Jahre mit dem farbenfrohen Pariser Künstler Serge Mendjisky, "eine kleine Serie von Produkten, die immer noch in den Archiven zu finden sind, und das aus einer Zeit, als niemand wirklich künstlerische Kollaborationen machte." Seitdem haben sie Taschen mit zahlreichen Künstlern entworfen: Von Tracey Emin und Kate Moss über Charles Anastase bis hin zu Jeremy Scott.

"Jeremy Scott ist ein sehr lässiger Künstler, der in jeder Saison neue clevere Ideen hat. Unser Modell 'Pliage' ist wie ein weißes Blatt Papier, auf dem sich Künstler, Designer oder auch DJs ausdrücken können", sagt Jean Cassegrain und verweist auf Michel Gaubert, der das Sounddesign für alle Karl Lagerfeld Shows kreiert und in Zusammenarbeit mit Longchamp iPod-Cover und DJ-Taschen entworfen hat.

"Es geht dabei nicht um Marketing, um die Berechnung einer Strategie, sondern um den Wunsch, etwas Kreatives und Vergnügliches zu tun. Oft ist es eine zufällige Begegnung, die zur Zusammenarbeit führt", erklärt er. Jean Cassegrain gilt als diziplinierter Manager, der in seiner Freizeit gerne Skitouren in Courchevel unternimmt und dessen spektakulärer Schnurrbart an den von Alfred de Musset erinnert. Nach mehreren Jahren bei Andersen Consulting und einem Abstecher zur französischen Wirtschaftsmission in New York, begann er 1991 bei Longchamp zu arbeiten.

Nach wie vor ist Longchamp im vollen Besitz der Cassegrain-Familie, die keine Verkaufszahlen veröffentlicht. Schätzungen zufolge sollen sie allerdings 600 Millionen Euro übersteigen. Die Online-Verkäufe machen weniger als 5 % des Umsatzes aus, aber die Bemühungen von Longchamp in den Vereinigten Staaten beginnen Früchte zu tragen: Die Einnahmen aus dem Online-Verkauf übersteigen mittlerweile 10 % des Gesamtumsatzes.
 
Longchamp ist eine französische Erfolgsgeschichte und fungiert darüber hinaus als großer Arbeitgeber. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen weltweit 3.000 Mitarbeiter, von denen viele in einer der sechs Fabriken rund um Angers im Loire-Tal arbeiten. Eine weitere Produktionsstätte soll im August in La Vendée eröffnet werden. Die Produktion gliedert sich in zwei Bereiche: Frankreich und andere Standorte in Tunesien und Mauritius, wo das Unternehmen seit über 30 Jahren vertreten ist, sowie Partnerhersteller in Rumänien, Marokko und China. "Wir stellen in allen unseren Werken jeweils einen Teil unserer Produktkategorien her. Wir mögen polyvalente Standorte. Es geht nicht um die Herstellung von Billigprodukten im Ausland und um teure in Frankreich!"
 
Longchamp betreibt fast 300 Boutiquen in 20 Ländern und verfügt zusammen mit Kaufhäusern und Duty-Free-Boutiquen über weitere 1.500 Verkaufsstellen.
 
Die Mode ist bereits in 40 Longchamp-Boutiquen erhältlich. Doch der entscheidende Faktor für den Erfolg der Kollektion liegt darin, ob große amerikanische und internationale Kaufhäuser Longchamp Kollektionen nach der Modenschau ordern. Das machte schon in der Vergangenheit viele Accessoires-Marken zu großen Mode-Häusern.
 
 

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