Schritt halten mit der Premium-Gruppe: Interview mit Anita Tillmann

Wir besuchen das Hauptquartier der Berliner Premium-Gruppe, um mit Anita Tillmann über den Markt und die großen Strategien zu sprechen und uns mit Maren Wiebus, verantwortlich für die Seek und die Bright, sowie mit Niki Lampadius, verantwortlich für die Premium und die Show & Order, zu treffen. Gerade erst hat Michael Stracke die Geschicke der FashionTech übernommen und als vierter im Bunde des Premium-Teams steht er uns Rede und Antwort zum stark wachsenden Konferenz-Format des Messeveranstalters.

Ein Feature in drei Teilen. Teil I: Anita Tillmann, Co-Gründerin und Managing Partner der Premium Group.


Anita Tillmann, Managing Partner Premium Group - Boris Kralj


Die Berlin Fashion Week hat sich neu aufgestellt. Wie bewerten Sie die letzte Edition und was wünschen Sie sich für die kommende?
Anita Tillmann: Erst einmal muss man verstehen, dass das Konzept der Fashion Week, im Sinne von Catwalk-Events, sich gerade weltweit im Wandel befindet. Noch vor ein paar Jahren galten diese Veranstaltungen nur ausgesuchten Journalisten und Prominenten und heute sitzen in der ersten Reihe außerdem Influencer und die besten Kunden der Marken, also Endkonsumenten. Diese weltweite Veränderung trifft natürlich auch Berlin. Hier finde ich die jüngsten Ansätze sehr gut. Wir haben etwa mit dem Fashion Council Germany erstmalig die Veranstaltung "Fashion HAB" im Berghain ausgerichtet, wo Deutsche Designer wie Damir Doma ihre Kollektionen zeigen konnten. Es tut sich wahnsinnig viel und die Berliner arbeiten hart daran, immer neu zu sein, nachzudenken und neue Standards zu setzen. Damit bauen sie ihre Potenziale aus und bewegen sich in die richtige Richtung.
 
Könnte diese Flexibilität und Offenheit für Neues vielleicht das Markenzeichen vom Standort Berlin sein?
Das ist das Markenzeichen! Berlin steht für Jugend, Innovation und Digitalisierung. Keine andere Stadt in Deutschland ist so gleichbedeutend mit Streetculture und Fashion. Hier passiert alles unter der Überschrift: neu. Und anders. Und die Zeiten, in denen man sich für die nächsten zehn Jahre ein Konzept ausdenken konnte, sind vorbei. In Berlin konnte man das noch nie. Mag das jeder? Nein, weil es vielen den Spiegel vorhält und sie auffordert, aus ihrer Komfort-Zone zu kommen.
 
Welche Rolle spielen Sie dabei als Messeveranstalter in Berlin?
Wir als Messe sind vor allem Spiegel des Marktes und zeigen, was funktioniert und wann es sich lohnt, Zeit, Geld und Emotionen zu investieren. Wir zeigen darüber hinaus, was man neu denken muss. Und das mit einer steigenden Geschwindigkeit.
 
Neu und anders: wie wird daraus ein Business Case?
Nur so viel: Wenn Virgil Abloh Artistic Director der Herrenkollektion von Louis Vuitton wird, zeigt das sehr deutlich, wie stabil heute die Brücke von der urbanen Design-Kultur zu den Königshäusern der Mode ist. Ich finde, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
 
Die Catwalks öffnen sich einem breiteren Publikum. Wie steht es mit den Fachmessen?
Auch das klassische Fachpublikum hat sich geändert. Die Zeiten, in denen Messen reine Transaktionsplattformen waren, sind schon lange vorbei. Wir haben bereits vor 15 Jahren das gesamte Ökosystem Mode ins Boot geholt und Communities wahrgenommen. Heute ist es Gang und Gäbe, genau zu überlegen, wer eigentlich am Tisch sitzen muss, um zu beurteilen, welche Kollektion und Marken das Potenzial haben, relevant zu werden. Wir als Premium-Gruppe sehen uns als Trade-, Brand und Content-Plattform. In diesem Zusammenhang richten wir uns gezielt an die gesamte Community. Im Allgemeinen verschwimmt die Grenze zwischen B2C und B2B immer mehr. Das sehen wir ganz stark auf unseren Messen Seek und Bright. Dort zählt die Community viel mehr als alte Kategorien wie Seller & Buyer.
 
Und wie entscheiden Sie, welche Community die richtige ist?
Es steht und fällt alles mit der korrekten Bedarfsanalyse. Konzepte, die etwa für unsere Aussteller auf der Seek richtig sind, funktionieren nicht zwingend auf der Premium und umgekehrt. Um hier die richtigen Entscheidungen zu treffen, sind wir im ständigen Austausch mit allen Akteuren, also auch sehr fokussiert mit Einkäufern. Wir lancieren zum Beispiel gerade eine Kooperation mit Modem, die eine Map für ganz Berlin erstellen, was es erstaunlicherweise hier noch nie gegeben hat. Außerdem betreut Modem unsere VIP Buyers Lounge. So holen wir die wichtigsten Einkäufer ab, finden heraus, was sie brauchen und zeigen ihnen, dass wir der richtige Partner für sie sind. Dafür müssen wir aber auch diejenigen in Europa sein, die alle wichtigen Entwicklungen der Branche in Echtzeit und in der richtigen Sprache zeigen und vermitteln.
 
Immer auf der Welle surfen. Wir bewerkstelligen Sie und Ihr Team das?
Früher war die Herangehensweise sehr auf mich und meine Ideen fokussiert. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Denn ich konnte in den letzten zehn Jahren ein ausgezeichnetes Team aufbauen, die heute die Verantwortung für ihre Bereiche selbst übernehmen. Wir sind zu einer Familie zusammengewachsen und pflegen flache Hierarchien, agiles Management ist an der Tagesordnung. Das ganze Team ist dauernd in der Welt unterwegs, um alle Tendenzen mitzubekommen und ins Unternehmen zu tragen. Und es wird keine Entscheidung aufgrund von Positionen getroffen, sondern wir gehen immer danach, was der Sache dient. Anders können wir dieser Herausforderung nicht gerecht werden. Ich merke dabei, dass mein Engagement und meine Geschwindigkeit das Team motiviert, mitzuziehen und dass in dieser Wechselwirkung eine sehr lebendige Unternehmenskultur entsteht.
 
Nach außen könnte Ihre Leidenschaft für die Sache hin und wieder auch bedrohlich wirken.
Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Man kommt nicht auf die Welt, um zu gefallen. Wir haben in den letzten 15 Jahren unglaublich viel bewegt. Auf diesem Weg habe ich gegen viele Widerstände kämpfen müssen und mir wurde wenig geschenkt. In dieser Zeit habe ich gelernt: Haters gonna hate. Und das interessiert mich heute nicht mehr. Ich bin so weit gekommen mit der Art, wie ich bin: jetzt mache ich auch genauso weiter.
 
Aber Sie hatten doch sicherlich auch Unterstützer.
Mein Glück war, dass ich sehr gut international vernetzt bin und mein Austausch im Ausland auf sehr hohem Niveau und auf kurzem Weg stattfindet. In Deutschland passiert das nur im allerkleinsten Kreis.
 
Reden wir über die Übernahme der Premium Exhibitions GmbH durch die Clarion Events Ltd. Was hat sich dadurch verändert?
Mit Clarion ist ja ein großer Messeveranstalter mit internationaler Expertise auf uns zugekommen, die mit uns zum ersten Mal in die Modebranche eintreten und daher unsere Kompetenzen sehr ernst nehmen. Wir sind nun Teil einer viel größeren Infrastruktur und erleben quasi gerade ein Upgrade: wir integrieren neue Technologien in unsere Abläufe, wir digitalisieren deutlich und wir können jetzt ganz anders in das Unternehmen investieren. Mit Clarion können wir uns ganz anders aufstellen, etwa in den Bereichen Market Research und Big Data. Das, kombiniert mit unserer Expertise auf dem Modemarkt und unserem Gespür für Trends, schafft eine ganz neue Schubkraft und eine neue Firmenkultur. Wir haben etwa ein neues Digitalisierungskonzept, das im Juni online gehen wird. Und wir denken ganz klar an Internationalisierung.
 
Nur Vorteile und keine Nachteile?
Bis jetzt noch nicht, nein. Das Team von Clarion ist unglaublich nett und sehr humorvoll. Die Hierarchien sind dort ebenso flach wie bei uns. Wir können uns sehr frei bewegen. Insgesamt passen wir einfach sehr gut zusammen und das war mir wichtig für die Entscheidung. Ein Vorteil ist sicherlich unser Erfolg. Wir wachsen. Und das in Zeiten, in denen das auf diesem Markt nicht selbstverständlich ist. Dies erreichen wir, indem wir einen ganz eigenen Weg gehen und wir treffen dafür bei Clarion auf große Wertschätzung.

 

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